„Erbe“ – eine Kurzgeschichte

Wer ist hier eigentlich verrückt?  In „Erbe“ verschwimmen die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit für einen Psychiater und seinen Patienten.

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„Und dann hat mein Vater gesagt, ich soll es tun.“

Alles anzünden, Junge.

Fertig. Noah atmete aus, und der schmerzhafte Knoten in seiner Magengrube begann sich endlich ein wenig zu lockern. Bisher hatte er seine Geschichte für sich behalten, nun endlich gab es dazu keinen Anlass mehr. Er hatte um dieses Gespräch gebeten, und um diesen Gesprächspartner. Jahrelang hatte Dr. Schering sich um Noahs Vater gekümmert. Bei Tisch war sein Name häufiger gefallen als der mancher Onkel und Tanten. Wenn es einen geeigneten Ansprechpartner für Noah gab, dann war es Schering. Der Psychiater musterte ihn über den Rand seiner Hornbrille hinweg. Sein Gesicht war eine Maske, neutral und unbeweglich.

„Ihr Vater lebt nicht mehr, Noah.“ Scherings Stimme war ruhig und gleichmäßig. „Er wurde vor ungefähr vier Monaten beerdigt. Wir beide haben uns auf der Trauerfeier gesehen. Erinnern Sie sich?“

„Natürlich erinnere ich mich,“ sagte Noah. „Aber dann, dann stand er plötzlich in meinem Wohnzimmer.“

Der Doktor legte die Stirn in Falten. „Und wie hat er Ihnen das erklärt?“

Noah zögerte. „Ich glaube, darüber sollte ich nicht sprechen, Herr Schering.“

Schering nickte. Er senkte den Blick und notierte etwas auf seinem Klemmbrett. Während der Kugelschreiber des Arztes mit unaufgeregter Präzision über das Papier kratze, begann Noah mit seinen Fingern zu spielen. Er war noch nie auf seinen Geisteszustand hin untersucht worden, aber die Tatsache, dass sein Gegenüber Romane über ihn zu schreiben schien, könnte kaum ein gutes Zeichen sein. Zu seinem Vater mussten sich im Laufe der Jahre wahre Papierberge aufgetürmt haben, die nun vermutlich im Kellerarchiv der Klinik verstaubten. Der Knoten in Noahs Magen zog sich wieder zusammen.

„Glauben Sie mir?“ Es war eine dumme Frage, natürlich, aber alles war besser als die düstere Stille.

Schering beugte sich vor, stützte seine Ellenbogen auf die Tischplatte und das Kinn auf die gefalteten Hände. „Ist Ihr Vater gerade hier, Noah?“

„Was…?“ Noah brauchte eine Sekunde, um die Frage zu verstehen, und dann, plötzlich, lag der Metallstuhl auf dem er gesessen hatte hinter ihm am Boden, und stand er aufrecht, die Hände zu Fäusten geballt. „Ich bin nicht irre!“, hörte er sich schreien und sah Speicheltropfen in hohem Bogen über den Tisch fliegen. „Ich bin keiner von ihren durchgeknallten Psychos, und mein Vater, der ist auch keiner! Es ist real. Es ist alles real!“

„Setzen Sie sich, Noah.“ Scherings Anweisung traf ihn wie ein kalter Wasserstrahl. Plötzlich war er wieder zehn Jahre alt, ein ertappter Übeltäter im Amtszimmer des Rektors. Idiot. Wie hatte er sich so vergessen können? Er richtete seinen Stuhl wieder und setzte sich. „Es tut mir leid“, flüsterte er.

„Das ist schon in Ordnung.“ Scherings Kugelschreiber kratzte wieder über das Papier. „Glauben Sie mir, ich kann durchaus nachfühlen wie schwierig diese Situation für Sie sein muss. Dennoch ist es dringend notwendig, dass wir diese Sache auf den Grund gehen. Vier Menschen haben ihr Leben verloren.“

„Sie waren es nicht“, unterbrach Noah. „Ich hab‘ es Ihnen doch gesagt – sie waren es nicht.“

Für einen Augenblick studierte Schering ihn schweigend. „Ich sehe, das ist Ihnen sehr wichtig“, sagte er schließlich. „Können Sie es mir vielleicht noch einmal genau erklären?“

„Hören Sie,“ Noah schluckte, aber der Knoten war von seinem Magen in seine Kehle gewandert und rührte sich nun nicht mehr. „Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß. Das waren nicht meine Nachbarn. Das waren – Monster.“

Das Wort fiel von Noahs Lippen wie ein scharfkantiges Stück Glas. Der Kloß in seiner Kehle wuchs und wuchs mit jeder Sekunde. Sein Hemd klebte an ihm; er schwitzte wie ein Fieberkranker. Ihm war, als müsste er sich jeden Moment übergeben. Falls Schering irgendetwas davon bemerkte, zeigte er es nicht. Der Arzt legte das Klemmbrett auf den Tisch und beugte sich wieder zu Noah vor. „Sprechen Sie weiter“, sagte er.

Noah senkte den Blick und konzentrierte sich auf einen getrockneten Kaffeefleck auf dem Linolium. Er konnte Schering nicht länger ansehen.

„Es waren Monster“, wiederholte er leise. „Keine Monster mit Reißzähnen oder… oder Krallen oder so – keine Horrorfilm-Monster, meine ich. Diese Dinger, sie sind wie… wie Viren, sagt mein Vater. Sie infizieren dein Gehirn, und sie machen, dass… dass du aufhörst, du zu sein. Du hörst überhaupt auf zu sein. Sie höhlen dich aus wie… wie einen Halloween-Kürbis!“

„Und das ist Ihren Nachbarn widerfahren, Noah?“

„Ja“

„Auch den zwei kleinen Mädchen?“

„Ja.“ Tränen brannten in Noahs Augen. Er ließ sie fließen, ohne den Blick vom Linolium abzuwenden. Ein heftiges Schluchzen schüttelte ihn.

„Ich fasse zusammen“, sagte Schering. „Sie haben Ihre Nachbarn in ihrem Haus überfallen, sie enthauptet und dann die sterblichen Überreste verbrannt, weil das die einzige Möglichkeit war, diesen Wesenheiten beizukommen? Verstehe ich das richtig?“

„Ja“, flüsterte Noah. Endlich sah er wieder zu Schering auf. „Es ist meine Aufgaben, sie zu töten.“

Was hätte er nicht gegeben für einen stichhaltigen Beweis, dass er verrückt war? Natürlich gab es den nicht, denn er war nicht verrückt. Er hatte einen Blick auf die Wahrheit erhascht und musste nun mit ihr leben. Schering würde das verständlicherweise anders beurteilen. Der Psychiater war noch immer leicht zu ihm vorgebeugt, das Pokerface intakt.

„Ich sehe, dass das Ganze eine traumatische Erfahrung für sie war,“ sagte er. „Was passiert ist, berührt Sie durchaus, oder?“

Da der Klumpen in seinem Hals das Sprechen nun unmöglich machte, konnte Noah nur stumm nicken, während Tränen seine Wangen hinunter liefen.

„Was Sie verstehen müssen,“ fuhr Schering fort, „ist, dass Sie kein Monster sind, Noah. Sie sind verwirrt. Ich sehe das, und ich würde Ihnen gern helfen.“ Schering zog einen Medikamentendosierer aus der Brusttasche seines Kittels und stellte ihn zwischen Noah und sich auf den Tisch. Unter dem halb durchsichtigen Deckel erkannte Noah schemenhaft zwei längliche Tabletten.

„Was ist da drin?“, fragte er.

„Etwas, was Ihnen helfen wird, klarer zu sehen“, erwiderte Schering ruhig. „Selbstverständlich zwinge ich Sie zu nichts, Noah. Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen. Ich möchte nur, dass es Ihnen besser geht.“

Ein langer Moment verging, unterbrochen nur von Noahs rasselndem Atem. Schließlich streckte er die Hand nach dem Medikamententeiler aus, hob den Deckel ab und ließ beide Tabletten mit einer fließenden Bewegung in seinen Mund gleiten.

Scherings Pokerface fiel; er lächelte. „Ich glaube, Sie haben eine sehr gute Entscheidung getroffen, Noah“, sagte er. „Wir machen Fortschritte. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Machen Sie sich bitte keine Sorgen, falls sich in den nächsten Minuten eine gewisse Müdigkeit einstellt. Das ist ganz normal. Dafür wird es Ihnen viel besser gehen, glaube ich.“

Noah ließ sich anstandslos in sein Zimmer zurückbringen. Er wartete, bis die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, dann spuckte er die Tabletten, die er bis dahin unter der Zunge aufbewahrt hatte, in seine Hand.

Ja, er hatte wirklich Fortschritte gemacht. Er hatte sich weit vorgewagt heute, viel von der Wahrheit preisgegeben. Er hatte Angst gehabt; er schämte sich nicht es zuzugeben. Aber Schering hatte keinen Verdacht geschöpft.

Es ist meine Aufgabe, sie zu töten. Es ist meine Aufgabe, Sie zu töten.

Kurz hatten ihn die Gefühle übermannt. Das war leichtsinnig gewesen. Aber Schering hatte nichts bemerkt. Er war arrogant geworden. Er musste sich wirklich sicher fühlen in dieser geheimen Festung, in der er Vater jahrelang gefoltert hatte. Bald würde es damit ein Ende haben. Er würde Vater stolz machen.

Alles anzünden, Junge.

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