„Mathilde“ — eine Kurzgeschichte

Nach einem schweren Verlust verliert eine ältere Dame den Verstand — oder ist vielleicht nicht alles so, wie es erscheint?

Klick‘ unten auf „continue reading“, um die Geschichte zu lesen, oder lass‘ sie dir hier vorlesen:

Kennt ihr das, wenn unheimliche Geschichten mit einem Satz anfangen wie, “Ich weiß jetzt, dass es Geister wirklich gibt?” Oder Dämonen? Oder Aliens? Sowas hasse ich. Warum fängt man so an? Da geht doch die ganze Spannung flöten. Außerdem kann ich es auf den Tod nicht ausstehen, wenn jemand mir erzählen will, was real ist und was nicht. Ich will das selbst rausfinden. Das war schon immer so.

Als ich noch ein Kind in einem Berliner Vorort war, lebte im Haus nebenan eine alte Frau namens Mathilde, oder Tante Mathilde, wie die meisten Kinder sie nannten. Das fand ich immer irgendwie komisch, denn ich hatte ja eine Tante — die Schwester meiner Mutter — und das war Mathilde nicht. Trotzdem mochte ich sie, denn sie war sie stets großzügig, wenn es darum ging, ihren scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Süßigkeiten zu verteilen und Kinderlärm zu jeder Tages- und Nachtzeit zu tolerieren.

Nur ab und zu hatte sie eine ihrer Phasen, wie die Erwachsenen es nannten. Mathilde glaubte fest an das Übernatürliche, und sie hatte furchtbare Angst davor. Ein Geräusch, ein Schatten, schon ein achtloses Wort konnte sie in Panik versetzen. Und wenn sie sich erstmal in einen ihrer Angstzustände hineingesteigert hatte, dann konnte niemand mehr zu ihr durchdringen — niemand außer ihrem Mann Harald.

Wie der schlaksige, hochgewachsene Mann das machte, ist mir bis heute ein Rätsel, aber seine sonore Stimme schien zu genügen, um Visionen von Geistern und Dämonen aus Mathildes Kopf zu vertreiben. Mit seiner ruhigen, praktischen Art gelang es Harald jedes Mal aufs Neue, seine Frau wieder auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Als Kind hätte ich es nicht in Worte fassen können, aber ich verstand schon damals, dass er so etwas wie ihr Anker war.

So war es leider keine Überraschung, dass Mathilde vor unser aller Augen zu verfallen begann, nachdem Harald plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben war. Mehr als einmal rief sie die Polizei, weil sie meinte, jemanden in der oberen Etage des Hauses herumlaufen zu hören. Natürlich war da niemand. Sie begann mit ohrenbetäubender Lautstärke Musik zu spielen und erklärte den irritierten Nachbarn, sie müsse die Stimme übertonen, die nachts zu ihr sprach. Als meine Mutter und ich an einem kühlen Herbstmorgen mit dem Hund Gassi gingen, fanden wir sie wie eine Obdachlose vor ihrem eigenen Haus in Decken gewickelt. Sie saß einfach da am Straßenrand, die Knie angezogen bis zum Kinn, und murmelte mit starrem Blick vor sich hin. Sie müsse fliehen, sagte sie, fliehen vor den Augen, die sie nicht sehen konnte, aber immer auf sich spürte.

Niemand in der Nachbarschaft wollte es laut sagen, aber ich glaube, bald waren alle davon überzeugt, dass Mathilde verrückt geworden sei. Und dann kam die Nacht des Einbruchs.
“VERSCHWINDE!”

Es war noch dunkel draußen, als Haralds laute Stimme mich aus dem Schlaf riss. Und obwohl ich weiß, dass das unmöglich ist, konnte ich mir bis heute nicht einreden, ich hätte in dieser Nacht etwas anderes gehört als seine Stimme. Ich fuhr aus dem Bett hoch und rannte zum Fenster, wo ich gerade noch eine dunkle Gestalt aus dem Haus nebenan kommen sah. Sie rannte schneller, als ich jemals jemanden hatte rennen sehen, stolperte und stürzte im nächtlichen Garten, rappelte sich wieder auf und sprang schließlich über den Zaun. Im Schein der Straßenlaterne konnte ich kurz die Umrisse eines Mannes erkennen, dann folgte ein lautes Krachen, als er auf der Fahrbahn von einem herannahenden Auto erfasst wurde.

Inzwischen hatte der Lärm auch meine Eltern geweckt. Meine Mutter kam ins Kinderzimmer, um nach mir zu sehen, während mein Vater in Schlappen und Boxershorts auf die Straße rannte, um nachzusehen, was passiert war. Als meine Mutter mich vom Fenster weg zog, sah ich nebenan Mathilde auf ihre Terrasse hinaus treten. Sie sah seltsam ruhig aus im blassen Mondlicht, beinahe — glücklich.

Ich war noch ziemlich klein, als das alles passierte, so dass meine Eltern mir die haarigen Einzelheiten dieser Nacht nur stückenweise offenbarten. Der Fremde, den meine Eltern nur einen “bösen Mann” nannten, starb noch in unserer Straße. Er war durch die Kellertür in Mathildes Haus eingebrochen und hatte sie im Schlafzimmer in Schach gehalten, bis dort irgendetwas geschah, was ihn in die Flucht schlug. Was das war, konnte niemals abschließend geklärt werden. Mathilde aber erklärte der herbeigerufenen Polizei, ihr Mann hätte den Eindringling verjagt. Selbstverständlich machten die Erwachsenen in der Nachbarschaft aus diesem Teil der Geschichte ein großes Geheimnis — ich brauche wohl nicht erwähnen, dass alle Kinder innerhalb einer Woche Bescheid wussten.

In den Tagen und Wochen nach dem Einbruch sah man Mathilde wieder oft auf ihrer Terrasse sitzen, wo sie ein Glas Wein trank und sich angeregt mit einem Besucher unterhielt, der für den Rest von uns unsichtbar blieb. So lange wir nebenan wohnten, erlebten wir nie wieder eine von Mathildes Phasen.

Es gibt bestimmt tausende Erklärungen für das, was in jener Nacht passierte. Ich weiß also nicht, ob Geister real sind. Ehrlich gesagt gesagt will ich es auch gar nicht wissen. Ich würde wahrscheinlich kein Auge mehr zutun. Ich weiß nicht, ob Geister real sind. Aber manchmal frage ich mich doch. Wenn ich an Mathilde denke, frage ich mich das immer.

Share Button