Star Wars: Das Erwachen der Macht – ein Film wie aus dem Lehrbuch

Wie erwartet schlug Das Erwachen der Macht, der siebte Teil der Star-Wars-Saga, an den Kinokassen ein wie eine Bombe. Natürlich meldeten sich auch die ersten Kritiker schnell zu Wort: Die einen führten Protokoll über alles, was sie nervte; die anderen sprachen von einem „Star-Wars-Gottesdienst mit alter Band“, und selbst Star-Wars-Schöpfer George Lucas kritisierte den ersten Film der Disney-Ära als zu „retro“.

Die Kritik lässt sich im Wesentlichen folgendermaßen zusammen: Der Film lehne sich zu stark an Eine neue Hoffnung, den ersten Star Wars, an; er zitiere zu viel und wage zu wenig Neues.

Mich als Fan und kritischen Cineasten haben diese Kritikpunkte sehr überrascht. In meinen Augen ist Das Erwachen der Macht ein Werk, mit dem zukünftige Filmemacher sich in ihrer Ausbildung beschäftigten werden – ein Film wie aus Lehrbuch.

Nichts Neues unter der Sonne

Ja, die Anleihen bei der Original-Trilogie sind offensichtlich — und offensichtlich gewollt. Sie stellen aber keine Schwächen dar, sondern zeugen eher davon, dass J.J. Abrams sowohl das Phänomen Star Wars als auch sein Handwerk als Filmemacher und Geschichtenerzähler versteht. Schon der Ur-Star Wars war nämlich zu keinem Zeitpunkt „neu“ und hatte auch nie den Anspruch, es zu sein.

Die Geschichte von Luke Skywalker ist eine klassische Heldenreise, wie wir sie aus unzähligen Sagen und Legenden kennen: Ein Junge, unter einfachen Umständen aufgewachsen, erfährt, dass er zu Höherem berufen ist. Er verweigert sich der unglaublich erscheinenden Berufung zunächst, wird aber durch äußere Umstände gezwungen, sich auf das Abenteuer einzulassen. Gemeinsam mit neu gewonnen Freunden und Mentoren macht er sich auf, Prüfungen zu bestehen und seinen rechtmäßigen Platz in der Welt zu finden.

Auf diese wesentlichen Schritte reduziert unterscheidet Lukes Werdegang sich nicht von dem eines Harry Potter, eines Neo oder eines Superman. Die gesamte Original-Trilogie folgt diesem Prinzip, am deutlichsten tritt die Analogie zu bekannten Märchen und Mythen jedoch in Episode IV: Eine neue Hoffnung hervor. Hier stand Lucas mit Star Wars noch ganz am Anfang, und er hatte nicht vor, das Rad neu erfinden. Er wollte ein traditionelle Geschichte im modernen Gewand erzählen und bediente sich dazu gezielt am kollektiven Unbewussten des Märchen-Genres. 1

Schon Eine neue Hoffnung verpasste also lediglich Altbekanntem einen neuen Anstrich und war trotzdem — oder gerade deshalb — prägend für eine Generation von Kinogängern. Lucas verstand, dass Mythen und Legenden seit jeher an „jenem Ort gleich hinter dem Hügel“ zu Hause sind; nah genug, um emotional relevant zu bleiben und weit genug entfernt, um geheimnisvoll zu wirken. Für Lucas war dieser Ort eine weit, weit entfernte Galaxis.2 Das war das wirklich Bahnbrechende an Star Wars.

Episode VII: Eine neue Herausforderung

Das Erwachen der Macht stand knapp 30 Jahre später vor einer ungleich schwierigeren Aufgabe. Der Film musste nicht nur die Heldenreise ansprechend neu verpacken und eine epische Trilogie vorbereiten, er musste es innerhalb des bereits etablierten StarWars-Universums tun. Querverweise und Dopplungen sollten da kaum überraschen. Es beschwert sich schließlich auch niemand, dass Ben Affleck als neuer Batman wieder ein Fledermauskostüm trägt und von einem väterlichen Freund namens Alfred beraten wird. Die Herausforderung für das Team um Abrams bestand vielmehr darin, bekannte Elemente, Figuren und Requisiten sinnvoll in die Handlung des neuen Films einzubetten, und das gelingt. Die weit, weit entfernte Galaxis wirkte nie realer.

Der Film bedient sich, wie seine Vorgänger, an Motiven und Archetypen aus der Märchen- und Sagenwelt, variiert und verfremdet sie aber an entscheidenden Stellen, um neue Konfliktkonstellationen und erzählerische Möglichkeiten zu schaffen.

Rey hat vielleicht die selbe Funktion wie Luke in der Original-Trilogie, weist aber eine gänzlich andere, fast gegensätzliche Persönlichkeit auf. Das Gleiche gilt für Darth Vader und Kylo Ren. Beide sind klassische Beispiele für gefallene Helden. Als wir Vader in Episode IV kennen lernen, ist sein Abfall jedoch bereits abgeschlossen. Er tritt vor allem als übermächtige Personifikation des Bösen auf. Kylo Ren dagegen ist ein unsicherer, leidgeplagter Charakter, der noch genauso am Anfang seiner Reise steht wie die neuen Helden.

Die  Macht des Erfolgsrezepts

Dass Star-Wars-Fans einiges im Erwachen der Macht bekannt vorkommen würde, war unvermeidbar. Das Erwachen der Macht spielt jedoch gekonnt mit den Erwartungen — so wird beispielsweise die Tatsache, dass Kylo Ren Han Solos Sohn ist, nonchalant in der Mitte des Films offengelegt. Die berühmte Enthüllungsszene aus Das Imperium schlägt zurück ist ohnehin nicht zu toppen, und Das Erwachen der Macht versucht es lieber gar nicht — eine kluge Entscheidung.

Sicherlich stellt sich für Fans und routinierte Kinogänger mit der Zeit eine gewisse Vorhersehbarkeit ein.  Aber muss eine Geschichte zwingend überraschen, um zu unterhalten oder zu berühren? Natürlich habe ich damit gerechnet, dass Han Solo die Konfrontation mit seinem abtrünnigen Sohn nicht überleben würde, und ich war sicher nicht der der einzige. Nichtsdestotrotz hätte man während der Todesszene eine Stecknadel im Kinosaal fallen hören können. Der Tod eines geliebten Charakters ist ein Moment, der im Gedächtnis bleibt — ganz unabhängig davon, ob er überrascht oder nicht.

Niemand muss das Das Erwachen der Macht mögen, und es ist auch nicht mein Anliegen, irgendjemanden davon zu überzeugen. Ich glaube aber, dass der Film eine große Leistung darstellt. Er funktioniert als Fortsetzung ebenso wie als Neuanfang, fängt die Atmosphäre der Original-Trilogie ein und erzählt dabei eine zeitgemäße Variante der Heldenreise.

Ja, der neue Star Wars ist schablonenhaft — aber das im besten Sinne.

  1. Taylor, Chris (2014). How Star Wars Conquered the Universe. Kindle Edition, Pos. 2541. London: Head of Zeus Ltd.
  2. Taylor, Chris (2014). How Star Wars Conquered the Universe. Kindle Edition, Pos. 359. London: Head of Zeus Ltd.
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