„Ausblick“ – eine Kurzgeschichte

Thomas könnte sich glücklich schätzen — er muss sich niemals fragen, was wäre wenn…? Aber ist das wirklich ein Vorteil?


Er hatte Sara versprochen es weg zu werfen. Versprochen und gemeint hatte er es, nur fertig gebracht hatte er es nicht. Minutenlang hatte Thomas am Straßenrand gestanden, den schweren Karton in Händen, aber er hatte sich einfach nicht überwinden können, ihn abzustellen und dort zurück zu lassen. Schließlich war er unverrichteter Dinge in die Wohnung zurückgekehrt, und der Karton hatte einen Platz in der hintersten Ecke der Abstellkammer gefunden. Thomas hatte eine alte Decke darüber geworfen, um sich selbst davon zu überzeugen, dass der Karton auf absehbare Zeit dort bleiben würde.

Nun lag die Decke im Flur und der leere Karton stand in der halb offenen Tür zum Arbeitszimmer, während Thomas am Schreibtisch über das Objekt seiner Begierde gebeugt war. Er würde auch nur einen kurzen Blick riskieren, das hatte er sich fest vorgenommen. Gegen eine kleine Entscheidungshilfe konnte ja wohl niemand etwas einzuwenden haben. Es wäre einfach dumm, darauf zu verzichten, leichtfertig und dumm. Wer unter einer ernsthaften Krankheit litt, der verzichtete schließlich auch nicht einfach auf die helfenden Medikamente. Warum also sollte er seine Zukunft aufs Spiel setzen und blind in sie hinein stolpern, wenn er eine Wahl hatte? Sara würde das verstehen, ganz sicher sogar. Aber erstmal würde sie sich aufregen. Darum musste es heute sein, bevor sie von ihrem Seminar zurück kam.

Für eine Sekunde oder zwei schwebte Thomas’ Finger unschlüssig über dem Kippschalter am unteren Rand des silbernen Rahmens, dann drückte er ihn nach unten. Sofort leuchteten die daneben liegenden Lämpchen auf, und die Elektronik unter der verchromten Metallverkleidung begann summend zu arbeiten. Es war ein vertrautes, sogar wohltuendes Geräusch, nur lauter, als Thomas es in Erinnerung hatte. Für einen Augenblick schien das Summen den gesamten Raum auszufüllen. Dann begannen mit elektrischem Knistern die Chronowandler an den Querseiten des Gerätes ihren Dienst zu tun. Zuerst flogen ein paar Funken, dann zuckten aus beiden Richtungen bläuchliche Blitze durch den Rahmen, die schließlich unter lautem Zischen in der Mitte aufeinanderprallten.

Thomas spürte ein Lächeln auf seinen Lippen, als das Sichtfeld des Rahmens sich trübte und zu verändern begann. Das erste, was er erkennen konnte, war ein unaufgeräumter Schreibtisch.

Er schaute seinem Morgen-Ich über die Schulter, während es Anfragen, Aufträge und Kunden-Feedback auf dem zu voller Größe ausgefalteten Display seines Tablet-PCs hin und her bewegte. Hektisch überprüfte Thomas die Zeitanzeige am Fuß des Fensters, doch es war ihm kein Fehler unterlaufen. Zehn Jahre später, und er — sein Morgen-Ich — war noch immer dort, noch immer an diesen Brotjob gekettet, den er doch vor zwei Jahren nur als Übergangslösung angenommen hatte. Während sein Morgen-Ich sich in aller Ruhe aus dem Firmen-Konto ausloggte und das Tablet wieder auf Hosentaschengröße faltete, spürte Thomas, wie etwas in seinem Magen sich zusammenschnürte.

Mit einer raschen Handbewegung änderte er den Blickwinkel und musterte sein Morgen-Ich kritisch. Die Jahre, die zwischen ihnen lagen, zeichnete sich an grauen Strähnen, Krähenfüßen und Stirnfalten ab. Sein Morgen-Ich horchte auf. Was es gehört hatte, konnte Thomas nicht sagen – trotz vollmundiger Versprechen war es auch in der vierten Generation des Fensters nicht gelungen, eine Audioverbindung zu implementieren.

Während Thomas wieder den ursprünglichen Blickwinkel schräg hinter dem Anderen einnahm, verließ der das Arbeitszimmer und trat in einen schlauchartigen Flur, wo sich in diesem Moment die Wohnungstür öffnete und den Blick auf Morgen-Sara freigab. Sie lächelte breit, als sie die Wohnung betrat, in der einen Hand eine Einkaufstasche und an der rechten ein kleines Mädchen, das ihr wie aus dem Gesicht geschnitten schien.

Abrupt wandte Thomas sich ab. Verdammt. Sie hatten nie über Kinder gesprochen, Sara und er, nie wirklich, nicht ernsthaft. Irgendwann, hatten sie gesagt, vielleicht.. Irgendwann, wenn sie beide da waren, wo sie hin wollten. Wenn sie ihr Leben gelebt hatten.

Es würde anders kommen. Die Kleine würde Juliane heißen, nach Saras Mutter, da war Thomas sich plötzlich ganz sicher. Sara hatte ihrer Mutter sehr nahe gestanden. Er würde die Kleine Juli rufen, oder manchmal Jane, aber meistens Juli, und – Stopp!

Sein Herz raste. Er stützte den Kopf in die Hände und atmete ein und aus und ein und aus. Die Kleine mochte ein Grund dafür sein, dass es seinem Morgen-Ich gut ging in diesem Leben, das er sich so ganz und gar nicht vorgestellt hatte – aber sie würde wohl auch ganz wesentlich dazu beitragen, dass er sich damit würde abfinden müssen.

Zögerlich schaute Thomas wieder auf das Fenster. Mittlerweile war sein Morgen-Ich mit Sara und Juli im Wohnzimmer dabei, den Tisch zu decken. An der Wand hingen gerahmte Bilder, die Thomas gierig heran zoomte. Die erhoffte Erleichterung blieb aus. Die Fotos zeigten weder Sri Lanka noch New York noch Japan, sondern Familientreffen und Weihnachtsabende und Strandausflüge.

Thomas stöhnte auf. Er schaltete das Fenster aus, ohne die Sitzung zu beenden. Das Bild gefror, erzitterte und fiel in sich zusammen wie ein Traum. Abrupt wurde das Arbeitszimmer wieder in Dunkelheit getaucht. Thomas hieß sie willkommen. Am liebsten wäre er ganz und gar verschwunden, doch da das nicht möglich war, war er dankbar für den Schutz der Dunkelheit.

Vor der anstehenden Entscheidung würde sie ihn natürlich nicht bewahren. Die Sonne würde aufgehen, Sara würde nach Hause kommen, und in seiner Nachttischschublade lagen die Verlobungsringe, von denen sie nichts wusste. Nun musste er entscheiden, ob sie davon erfahren sollte.

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