„Du gefällst mir“ – eine Kurzgeschichte

Er mag sie. Sie mag ihn. Doch wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe.


Du gefällst mir. Ich habe dich in der Sekunde bemerkt, in der Du die Bar betratest. Laut. Unverschämt. Offen. Ein Mädchen aus gutem Hause, dem das gute Haus nicht genug ist. Du willst mehr. Das hab’ ich gleich gewusst. Ich musste dich ansprechen. Du bist perfekt. 

Deine Eltern haben Dich gewarnt, da bin ich mir sicher. Nicht vor mir natürlich. Ich werde deine Eltern niemals kennen lernen. Die würden mich nicht mal ihren Luxusschlitten parken lassen. Ehe ich ihre Türschwelle übertrete, friert die Hölle zu.

Was könntest du denn auch wollen von einem unrasierten Kerl mit Tattoos und zerrissenen Jeans? Ich  wettte, dass hast du mehr als einmal gehört. Sie kapieren’s einfach nicht, oder? Sie verstehen nicht, dass du mehr willst. Du willst wissen, wie das Leben aussieht mit einem wie mir.

Ja, du gefällst mir. Du bist perfekt. Du widerst mich an.

Wie selbstverständlich spazierst du hier rein und tust, als wärst du eine von uns. Jedem, der es sehen will, zeigst du dein beschissenes Lippenpiercing, das du dir zugelegt hast, um Papi auf die Palme zu bringen und von seiner Kohle bezahlt hast. Während deine Freundinnen in irgendeinem Schickmicki-Club Sekt schlürfen , besäufst du dich hier mit Fusel und hängst mit der Sorte Leute rum, auf denen deine Sorte Leute sonst rumtrampelt. Papi würde das bestimmt nicht gerne sehen. Aber darum geht’s ja auch, oder? Du meinst, das hier wäre ein ganz persönliches Disneyland. Aber das ist nicht Disneyland, und ich muss nicht nett zu dir sein.

Es braucht nicht viel, um dich zu überzeugen, mit zu mir zu kommen. Du wirfst dich mir praktisch an den Hals. Du bist du schon völlig blau, als wir die Bar verlassen , aber das hält dich nicht davon ab weiter zu trinken, als wir bei mir sind. Du lachst zu laut über meine blöden Witze. Meine Hand liegt auf deinem Oberschenkel, deine Hand auf meiner. Du willst es unbedingt. Jetzt.

Du wirst dich ohne Widerrede fesseln lassen. Das wird geil, werde ich sagen, und du wirst dein quietschendes Lachen lachen und ich mich machen lassen, weil Mami und Papi es hassen würden.

Nein, deine Eltern werde ich nie kennen lernen. Aber ich schätze, ich werde sie im Fernsehen und in der Zeitung sehen, wenn sie einen Aufruf nach dem anderen starten. Sie werden bestimmt ein schönes Sümmchen bieten für sachdienliche Hinweise, wie man das nennt. Aber man wird dich nicht finden. Niemals. Sie haben auch die anderen nicht gefunden, und du wirst keine Ausnahme sein. Du hättest auf deine Eltern hören sollen, Schätzchen.

Du hast keine Ahnung, warum ich grinse, als ich mich vorbeuge, um dich zu küssen.


Du gefällst mir. Du bist perfekt. Ich habe dich in der Sekunde bemerkt, in der ich die Bar betrat. Unrasiert. Tätowiert. Zerrissene Jeans. Schon geil. Nicht halb so geil wie du selbst denkst, aber durchaus geil.

Meine Eltern haben mich vor Typen wie dir gewarnt seit ich alt genug, Typen zu bemerken. Sie verstehen mich nicht. Aber das ist schon in Ordnung. Genau genommen ist es besser so.

Du gefällst mir. Du bist perfekt. Ein Loser, der sich für den Größten hält und der überzeugt ist, dass platinblonde Haare und künstliche Fingernägel gleichbedeutend sind mit Dummheit und Oberflächlichkeit. Du denkst, ich sei ein Püppchen, das du abschleppen und durchnehmen und entsorgen kannst, um dich dann damit zu brüsten, dass ich nach mehr gebettelt habe — das sehe ich in deinen Augen.

Du nimmst mich nur zu gern mit nach Hause; ich muss mich nicht mal anstrengen. Wir haben uns kaum hingesetzt, da liegt deine schmierige Pranke auch schon auf meinem Oberschenkel und bewegt sich langsam nach oben. Ich lasse es zu und lege meine Hand auf deine. Du willst es unbedingt. Jetzt.

Jede Sekunde wirst du mir die Zunge in den Hals stecken, und während du das tust, werde ich den Muskelentspanner in deine Flasche schütten. Mal sehen, wie wild du dich fühlst, wenn du dich nicht mehr rühern kannst, du Hengst. Ich weiß schon, wo ich den ersten Einschnitt machen werde. Jeder braucht seine kleinen Traditionen.

Kein Mensch wird dich vermissen. Gut möglich, dass man nicht mal nach dir sucht. Und selbst wenn, wird niemand mich verdächtigen. Ich bin schließlich nur eine weitere Kerbe in deinem Bettpfosten. Eine von vielen. Selbst, wenn sie irgendwann herausfinden, was mit dir passiert ist, wird das keine Rolle spielen. Wen sollte es überraschen, dass es mit dir ein böses Ende genommen hat? Der ein oder andere wird wahrscheinlich sagen, du hast bekommen, was du verdient hast.

Ich seh’ das genauso, mein Hengst.


Die englischsprachige Fassung dieser Geschichte kannst Du Dir hier kostenlos anhören.

 

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